Kristina

Hier schreibt die Leserin

Lieber Landesbischof Friedrich,

verzeihen Sie bitte, dass ich auf Ihren im Münchner und Rothenburger Sonntagsblatt erschienenen offenen Brief: Hier schreibt der Bischof – Christen stehen in der Verantwortung – Wie können wir den Menschen in Israel und Palästina gleichermaßen beistehen? erst so spät antworte. Sie sparen in Ihrem Brief nicht mit Kritik an dem Freiwilligendienstprogramm EAPPI, über das ich vergangenen Herbst in Hebron war.

Sie machen sich Sorgen, dass die Freiwilligen “nur die palästinensische Sichtweise mitbekommen”, glauben, die Ängste der Menschen in Israel würden im Programm zu wenig thematisiert, sprechen von “einseitige(r) Stellungnahme, die nicht berücksichtigt, aufgrund welcher Erfahrungen viele Israelis so wenig bereit sind, den Palästinensern entgegenzukommen”, entwerten die Arbeit der Freiwilligen mit der Bemerkung: “Sie dokumentieren es, wenn sie meinen, Zeugen von Menschenrechtsverletzungen geworden zu sein”. Die Situation der Palästinenser beschreiben Sie damit, dass diese “momentan (…) stärker leiden”. Und daher sind Sie der Meinung, den Menschen in Israel und Palästina werde dann gleichermaßen beigestanden, wenn die Leserinnen und Leser für sie beten und mit Ihnen durch Besuche Kontakt halten.

Herr Landesbischof, ich kann Sie beruhigen: die israelische Sichtweise nimmt breiten Raum im Programm EAPPI ein. Sowohl in den über 20 Trainingstagen im Vorfeld, während unserer einwöchigen Tour durch Israel in der Mitte des Einsatzes und auch in der täglichen Arbeit haben wir unterschiedlichste israelische Sichtweisen zum Nahostkonflikt kennen gelernt. Einer der sechs Standorte von EAPPI ist Jerusalem: es ist also mitnichten so, dass sich “alle Aktivitäten auf Palästina beschränken”. Wir haben eine bunte Palette von Israelis kennengelernt: vom nationalreligiösen Siedler bis zum die Ein-Staaten-Lösung-favorisierenden Friedensaktivisten. Sie können mir glauben, dass die Erfahrungen und Ängste der unterschiedlichen Israelis erheblich von einander abwichen. Ich hatte großes Verständnis für die Ängste vieler Israelis – insbesondere wenn man die Ängste auf dem Hintergrund einer 2000-jährigen Verfolgung betrachtet. Allerdings musste ich  - mit Ausnahme der Friedensaktivisten, die ohnehin nicht zu den Bedenkenträgern zählten – nur allzu oft feststellen, dass den Sicherheitsbedenken beim Abzug aus der Westbank der Hinweis auf die jüdische Landverheißung folgte und es die Pflicht der Israelis sei, Palästina zu besiedeln.

Zur einseitigen Stellungnahme: Die Kritik ist schon deswegen nicht angebracht, weil sich in dem Konflikt keine gleichstarken Gegner gegenüberstehen. Das Verhältnis von Israel zu den palästinensischen Autonomiegebieten ist das eines Besatzers zu einem besetzten Volk. Bei einer Besatzungsmacht und einem besetzten Volk kann mitnichten von einem Konflikt auf Augenhöhe gesprochen werden, das liegt in der Natur der Besatzung. Dass damit ein absolutes Übergewicht der Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht und Menschenrechte von Seiten Israels gegenüber Palästinensern einhergeht, liegt nahe und lässt sich auch mit einem Blick auf die Internetpräsenz von UNOCHA erfassen, der mit der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen betrauten Unterorganisation der Vereinten Nationen. Mit UNOCHA und dem Internationalen Roten Kreuz haben wir übrigens bei der Dokumentation von Übergriffen und Menschenrechtsverletzung sehr eng zusammen gearbeitet. Von momentanem Leiden der Palästinenser kann dort nicht die Rede sein, es sei denn Sie sehen die Besatzung vor dem Hintergrund biblischer Dimensionen, da mögen 40 Jahre wie ein Tag erscheinen. Es reicht daher bei weitem nicht aus, zu beten und Menschen auf beiden Seiten zu besuchen! Wer wie Sie in diesem Konflikt abwägend Stellung bezieht und dabei die ständigen Menschen- und Völkerrechtsverletzungen der Besatzungsmacht marginalisiert, nimmt einseitig Stellung zugunsten Israels.

Gott sei Dank sieht Ihr Nachfolger als Domprobst der Erlöserkirche in Jerusalem, Uwe Gräbe, den Nahostkonflikt völlig anders als Sie und ist einer der stärksten Verfechter des Programms EAPPI. 

Ihre Leserin 
Kristina Kühl

 

9 Kommentare zu “Hier schreibt die Leserin”

  1. Katrinam 31.03.2009 um 9:02

    Wow….super :-) )

  2. Matthiasam 31.03.2009 um 12:10

    Inzwischen sind die Äußerungen Friedrichs auch in der lokalen Presse angekommen: In einem kurzen Bericht über die Landessynode wird in den NN Friedrichs Tiefschlag gegen EAPPI zitiert: Die Freiwilligen würden ja nur eine Seite mitbekommen und seien zu einer “ausgewogenen Beurteilung” nicht fähig.
    Der Gaza-Krieg stellt sich in Friedrichs Sicht so dar, daß Israel in eine “von der palästinensischen Hamas aufgestellte Falle” gelaufen sei — ich bin immer wieder erstaunt, was für krude Weltbilder in den Köpfen hoher Kirchenvertreter herumspuken.
    Immerhin falle es Friedrich “immer schwerer, mich der Kritik am israelischen Vorgehen zu enthalten”, jetzt, wo die Berichte über die Kriegsgreuel der “moralischsten Armee der Welt” (Selbstbezeichnung der israelischen Streitkräfte) bekannt werden. Die NZ geht ebenfalls auf diesen Aspekt ein.
    Es wäre ja erfreulich, wenn die verkrusteten Hirnwindungen des Kirchenoberen tatsächlich in Bewegung gekommen sein sollten.
    Zwei Fragen müssen aber dennoch gestellt werden: Es ist ja schlimm genug, daß die deutsche Politik sich fast geschlossen in den Windschatten der Kanzlerin gestellt hat, die mit dem Schlachtruf “Uneingeschränkte Solidarität mit Israel ist deutsche Staatsräson” vorangeprescht war. Warum ein Kirchenvertreter (und noch dazu einer, der sich mit dem Nahen Osten intensiv beschäftigt hat) solch ein schlichtes Denkmuster überhaupt aufgreift, statt sich an den Denkmustern seiner Religion zu orientieren, ist ein Rätsel. Und es wäre auch interessant zu erfahren, warum ein Bischof seine Informationen offenbar lediglich aus den notorisch israelfreundlichen deutschen Massenmedien bezieht und die Berichte über Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg für eine Neuigkeit hält.
    Also: überschwemmt NN und NZ mit Leserbriefen!
    (Höchst lesenswert in diesem Zusammenhang ist übrigens ein Text des Völkerrechtslers und UN-Sonderberichterstatters Richard Falk in le monde diplomatique.)

  3. Beateam 31.03.2009 um 12:12

    Der beste Leserbrief, den ich seit langem gesehen habe!!! Das wäre mal was für die Nürnberger Nachrichten!!!

  4. Matthiasam 31.03.2009 um 14:19

    @Beate:
    Stimmt, die Nürnberger Nachrichten würden bestimmt was draus machen — an den richtigen Stellen kürzen (wie hier) oder so …

  5. Lina Hoffmannam 31.03.2009 um 21:09

    Liebe Kristina,
    ich finde es ganz prima, dass Du einen Leserbrief geschrieben hast. Auch ich mußte heute in der lokalen Presse (NN und NZ) nochmals die versteckte Kritik von Landesbischof Friedrich an dem Einsatz der Freiwilligen lesen. Ich hoffe, dass viele frühere Freiwillige Leserbriefe an die Zeitungen und auch an Friedrich schreiben und ihre Erlebnisse bei Ihren Einsätzen schildern.

  6. Kristinaam 01.04.2009 um 20:35

    Ihr Lieben,
    Vielen Dank für Eure guten Beiträge.
    Ich habe Euren Rat befolgt und gestern noch einen Leserbrief an die Nürnberger Nachrichten losgeschickt. Es ist im wesentlichen die gekürzte Version des offenen Briefes an Johannes Friedrich, wie Ihr gleich im Blog nachlesen könnt.
    Würde mich freuen, wenn sie ihn drucken…
    Schöne Grüße
    Kristina

  7. [...] belohnt wurde, war noch ein Leserbrief fällig. Vielen Dank an dieser Stelle an die fleißigen Kommentatorinnen und Kommentatoren, die mich auf den Artikel hingewiesen und mich zum Schreiben angespornt haben! Im wesentlichen ist [...]

  8. Brigittaam 06.04.2009 um 19:26

    Hallo Kristina,
    mutig und gut, dass du dich der Kritik am EAPPI-Programm des bayr. Landesbischofs Friedrich gestellt hast!
    Schon im letzten Juni bei der Tagung “Sicherheit und Gerechtigkeit in Israel und Palästina” in Bad Boll hatte er sich ähnlich geäussert, obwohl er zugegebenermaßen bei seinem Besuch im Land nicht selbst bei dem Gespräch mit dem EAPPI-Oragnisationsteam anwesend war, sondern sich nur hat berichten lassen; da war lediglich Brigitta Böckmann als ehemalige EA da und hat die Wirkung des Programms aus ihrer Sicht dargestellt. Ich konnte zu dem Zeitpunkt noch nicht so viel dazu sagen, weil meine Ausreise ja noch bevorstand.
    Beim letzten Chain-reaction Magazin hatte er sich wohl geweigert, ein Vorwort zu schreiben. Dieses Mal hat er wohl eins geschrieben, auf das ich wirklich gespannt bin…
    Wenn wir uns im Mai im Wallis sehen, werden wir beim Wandern sicher darauf zu sprechen kommen!
    Sei für heute herzlich gegrüßt von deiner “Mitstreiterin” aus Gruppe 28 im EAPPI- Programm,
    Brigitta

  9. Kristinaam 06.04.2009 um 21:26

    Ach,

    Na da bin ich ja platt: Johannes Friedrich als Vorwort-Autor der Chain-Reaction? Wir dürfen gespannt sein!

    Schöne Grüße in den Norden
    Kristina

    P.S. Freu mich schon sehr auf unser Wiedersehen im Wallis!

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